“Freeway Idiots” – Lange verschollenes Schirrmacher(FAZ)-Manuskript aufgetaucht (revisited) – #greatdrive

Am 05. Mai 2010 schrieb ich die folgenden Zeilen in der mediaclinique (später policlinique). In diesem Blog und heute – aktueller denn je – passen diese Zeilen natürlich wie die Faust aufs Auge.

Für  mich sind seine Zeilen immer noch Meilenstein, Spurhalteassistent, moderner Navigations-Atlas, Querlenker, die Leitplanke eines notwendigen Umdenkens. Wie sagt Schirrmacher so schön ganz am Ende: “Noch haben wir die Chance, die nächste Ausfahrt zu nehmen. Nutzen wir sie klug.

In diesem Sinne! >

“Nach Payback nun das nächste epochale Meisterwerk des Vordenkers der Nation: Freeway Idiots von Frank Schirrmacher.
Obwohl es so anders ist als seine Vorgänger, folgt es doch der erfolgreichen Linie Schirrmachers, ein besonderes Gespür für die grundlegend-polarisierenden Themen der Gesellschaft zu haben.

Mir ist es gelungen, Auszüge der fantasierten Fahnen in die Hände zu bekommen. Hier der erfundene Vor-Abdruck in Auszügen:

Freeway Idiots von Frank Schirrmacher

… Die Autobahn macht uns zum nützlichen Idioten der Medien, Politik und Wirtschaft, sie prägt unser Bewußtsein, sie entscheidet über unseren Wohlstand – als Individuum und Gesellschaft. Dostojewski …

… Das Phänomen Autobahn muß neu gedacht werden – ehe wir alle nicht mehr in der Lage sind, es gedanklich zu hinterfragen und Abhilfe zu schaffen. Die Autobahn ist unser größter Feind.
Daß Sie nun lächeln zeigt eigentlich nur, wie weit sich dieser Feind schon in unsere Hirne gefressen hat, sie zerstört und zu Sklaven der Autobahn gemacht hat. Erkennen wir, daß wir nur noch Autobahn-Idioten sind! Handeln wir, ehe es zu spät ist!

Deutschland – eine Autobahn. Vice versa.

DeutschlandeineAutobahnViceversa… Die Nutzung der deutschen Autobahn ist derart über-reglementiert von einem über-fürsorglichen Staat, daß man schon lange nicht mehr von ‘Freier Fahrt für Freie Bürger’ sprechen kann. Hier haben selbst die Parteien kläglich versagt, die vorgeben, das ‘liberal’ im Schilde zu führen.

Und – glauben Sie mir – hier geht es nicht um Geschwindigkeit.

Die Autobahn – von wegen Freeway.

… Der Politik ist es in langen Jahren gelungen, den autobahn-fahrenden Bürger derart zu bevormunden (und dadurch zu entmündigen), daß er selbst im wahren Leben, fernab der Autobahn, nicht mehr in der Lage ist, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Selbst Ölkrise und Helmut Schmidt …

Das Individuum

 Ohne das wegweisende Schild, die schützende Mahnung vor der Kurve, vor der Steigung oder dem Gefälle ist der Mensch bewegungsunfähig, nicht mehr lebensfähig gar. Kann er Baustelle nicht von normaler Strecke unterscheiden.

Jede kindliche Neugier, jedes wißbegierige Bewußtsein, jedes Sich-Reiben an der Natur der Dinge ist ihm abhanden gekommen. Er entwickelt sich nicht mehr. Selbst Piaget (und wir sind inzwischen so weit, daß, wenn ich ‘Piaget’ bei wikipedia eingebe, die gleichnamige Uhrenmarke vor Jean Piaget erscheint) …
Er pflanzt sich nicht mehr fort. Er kreiert nicht mehr. So wurde er nicht nach dem Ebenbilde Gottes geschaffen. …

Die Gesellschaft

… Einzig das Messen am Anderen ist ihm geblieben. Einziges Ziel seiner Existenz auf der Autobahn ist die Erzeugung des Neides in den Augen der Anderen. Ohne den überflüssigen Kampf kann er nicht mehr sein. Einziges Ziel, einziger Zeitvertreib ist der eigene Sieg – bzw. die Niederlage des Anderen, ist letztere doch um ein Vielfaches bequemer zu erringen als der anstrengende Sieg. …

Der Bürger als Co-Createur

… Gemeinsam schaffen wir nichts mehr. Das liegt jenseits unserer Interessen. Weder auf der Autobahn selbst, noch an der Raststätte, der Tankstellenschlange oder dem Pissoir. Der Mensch ist nicht mehr soziales Tier, sondern nur noch des Menschen Wolf. … Der Mensch dreht sich im Teufelskreise und beißt sich selbst in den buschigen Schwanz. …

Die Leistung der Politik

… Die Politik ist am Ziele ihrer feuchten Träume: Individuum und Gesellschaft sind besiegt. Neugier, Tatendrang und Wissendurst ausgelöscht. Orwellsche Phantasien …

Es gibt keine spontanen Erektionen, keine Freude. Es gibt nur den Stau, in dem jeder der Erste sein will. Alles drängelt an die Macht, wechselt die Spur nach Gutdünken, um der erste Bremser des Landes sein zu dürfen. Smeagol/Gollum in den Abenteuern der Hobbits …

Der Beitrag der Wirtschaft

… sie leistet ihr Übriges. Leitplanken-gleich schickt sie Lastkraftwagen in einer Anzahl auf die Strecke, daß von Start bis Ziel eine ganze Fahrbahn gesperrt scheint für diesen stehenden Güterzug, der verzweifelt Nahrung (geistige und körperliche), Ersatzteile des Lebens, Sehnsüchte gar über die einstigen Berge und Täler unserer natürlichen Vorfahren zu wuchten versucht – und doch nur allüberall dem Fortschritte im Wege steht. Die Abenteuer Wissmanns …

Der Verlust des Elternhauses

… der Brüder Grimm. Die Eltern ermattet in ihren Kunststoffsitzen, groß- und dummgeworden auf der Stillen Treppe der Super-Nanny Autobahn in langen Jahren des Wegschauens, des Gasgebens um des Gasgebens willen, der verdunkelten Aussicht, ihre Ziele – nie gekannt – jemals zu erreichen. …

Das Versagen der Erziehung

… Die Unmöglichkeit einer freien Erziehung in einer unfreien Autobahn-Welt. Alfred Adler und der Gründer der Waldorf-Schulen, …

Der Unmut, selbstständig zu denken und zu handeln, liegt doch das grau-zerbröselnde, endlose Band klar vor einem und dem eigenen Wollen. Hier ist nichts zu entscheiden, nichts zu hinterfragen. Hier geschieht, was geschehen muß.

Erziehung mit abgewandtem Blick ist keine Erziehung mehr. Die einen sitzen vorn, die anderen nicht. Damit ist klar – für alle Zeiten, was soll man streiten – wer das Sagen hat und wer es nicht.

Dialoge ergeben sich nicht, nur die heimliche Revolution. Das Nasebohren, das laute Singen, die innere Kündigung. Schnell bestraft an der nächsten Toiletten-Möglichkeit. …

So bleibt das mobile Telephon der einzige Ausweg, die Flucht in die Virtualität des Raumes, der Facebook-Freunde und billigen Tweets. Pornographie des neuen Jahrtausends …

Das Ende der Bildung

Die Strasse und der volle Tank entscheiden. Die Herkunft des Automobiles entscheidet. Es gibt keine Helden mehr, es sei sie rasen an einem vorbei. Maschinen werden personifiziert, glorifiziert, als Sieger identifiziert. Der Mensch selbst, er zählt nicht mehr. Ist Teil geworden der Maschine. So, wie die Maschine Teil geworden ist von ihm … Blade Runner auf dem Niveau Langs Maschinen-Maria …

Bildung ist nicht mehr individuelles Wachsen, Entwickeln, Vorankommen. Bildung ist reglementiert und maximiert: links bleiben so lange es geht – niemanden vorbei(aber nicht erwischen)lassen – Nötigen tun immer die anderen – Spurwechsel sind gefährlich – Ein Handy ist kein Grund – Möge der Trotzigere gewinnen.

Weder Wohlstand noch Zukunft

Wohlstand ist so nicht zu erwarten, so nicht. Wohlstand gibt es nur für die Menschen auf der Autobahn, wenn die Politik den Menschen die Autobahn zurückgibt. Wenn sie die Schilder löscht, die Beschränkungen, die Bevormundungen, die nur allzu gut gemeinten Hinweise.

Wohlstand entsteht aus dem Herausschieben von Grenzen, aus dem Über-sich-selbst-Hinauswachsen, der konstruktiven Auseinandersetzung.

Weg muß all das fürsorgliche, das Verdummende, das Einlullende und Behäbig-Machende. Der Geist des Menschen und sein Körper müssen wieder gefordert werden, müssen wieder erregt und angeregt werden. Müssen herausgefordert werden. Sonst bleiben wir die Freeway Idiots, die wir heute schon sind.

Das Ende von allem ist erst der Anfang

Die Autobahn, das ist der Garten, den wir frei nach Boris Vian nicht mehr verlassen dürfen, damit uns niemand zu nahe kommt. Der Garten, mit Marmor versiegelt, damit wir nicht Erreger von der Erde uns einfangen. Der ein Dach bekommt, damit kein Flugzeug uns auf den Kopfe fällt.

Die Autobahn, das ist das Haus, das wir nicht mehr verlassen dürfen, da der Garten zu gefährlich. Ist die Nähe der Mutter, die uns spüren will, weil sie sich sorgt um unser Wohl, unsere Zukunft, unser Leben, ihre Liebe.

Die Autobahn, das ist die Küche, die unser Heim wird, ganz in der Nähe der liebenden Mutter, die uns ständig sehen will, zu wissen, es geht uns gut und wir entwickeln uns prächtig, fernab der Gefahr und des Lebens Unbill.

Die Autobahn, das ist der Goldene Käfig, den uns die Mutter schenkte, damit wir dem Herde in der Küche nicht zu nahe kommen. Der goldene Käfig, den wir von nun an nicht mehr verlassen dürfen, zu groß sind die Gefahren dort draussen. Zu sehr haben wir verlernt, ihnen zu begegnen. Zu sehr haben wir verlernt, uns ihnen zu stellen. Zu sehr haben wir verlernt, was Leben wirklich bedeutet …
Boris Vian, Die Kleinen der Königin (im Original: Der Herzausreisser)

Noch haben wir die Chance, die nächste Ausfahrt zu nehmen. Nutzen wir sie klug.”

|
| Great Drivers Lead by Example!
| Strive. Thrive. Drive!
| #greatdrive
| Wir sollten reden!

 

[Text bei facebook kommentieren, liken, sharen!]
[Blog-Updates via eMail abonnieren!]